Beyond Corona - Welchen Herausforderungen stellt sich Frankreich?

HamburgAmbassadorin Katharina Scriba berichtet für die Hamburg News über den Wandel in ihrem Gastland
14. Juli 2020
Aerial view of HafenCity

In einem internationalen Netzwerk engagieren sich 39 HamburgAmbassadors in 29 Ländern der Welt ehrenamtlich für die Hansestadt. Die Interview-Reihe der Hamburg News berichtet als nächstes aus unserem Nachbarland Frankreich. Katharina Scriba lebt in Paris und erzählt, wie sie die Corona-Krise in ihrem Gastland wahrnimmt und welchen Wandel sie durch den Umgang mit dem Virus beobachtet.

Hamburg News: Liebe Frau Scriba, die erste Frage, die uns alle bewegt: Geht es Ihnen und Ihrer Familie gut, kommen Sie gut durch die Corona-Zeit?

Scriba: Ja, trotz der recht strikten Ausgangsperre in Frankreich haben wir die Herausforderungen dieser Zeit bislang gut gemeistert, angefangen beim jobbedingten Krisenmanagement bis hin zur neuen Rolle als „Hauslehrerin“ für meinen siebenjährigen Sohn.

Hamburg News: Wie fällt Ihr persönliches Zwischenfazit aus, wo sehen Sie den größten Wandel oder Veränderung, die die Pandemie in Frankreich hervorgebracht hat?

Scriba: Ich persönlich kann natürlich vor allem aus meiner eigenen Erfahrung in Paris berichten. Während der Zeit der Ausgangssperre habe ich eine neue Form von nachbarschaftlicher Nähe und Solidarität erlebt; die Einkaufshilfen für ältere Menschen, die Pop-Up Tafeln für Obdachlose oder lokale Initiativen gegen häusliche Gewalt. Das ist gerade für eine Metropole wie Paris, in der es normalerweise recht anonym zugeht, wirklich besonders.

Hamburg News: Welche kreativen Ideen haben sich durch die Pandemie entwickelt?

Scriba: Die Ausgangssperre hat die Leute erfinderisch gemacht. Im kulturellen Bereich sind zahlreiche physische und digitale Aktionen entstanden – gemeinsame Chöre in Hinterhöfen, Balkonkonzerte oder das Ballettensemble der Pariser Oper, das sich – zuhause tanzend – bei den Ärzten und Pflegekräften bedankte. In der Gastronomie sind viele Restaurants schnell auf einen Außerhaus- bzw. Lieferservice umgestiegen, der Einzelhandel war über das „click&collect“-Angebot weiter aktiv.

Hamburg News: Ist die Digitalisierung der größte Profiteur von der Situation?

Scriba: In der Tat hat die Pandemie dazu geführt, dass sich auch in Frankreich das tägliche Leben zu einem großen Teil ins Digitale verlagert hat: die Arbeit, die Schulausbildung, die Beziehungen zu unseren Nächsten, unsere Dienstleistungsbedürfnisse und der Kulturbetrieb.

Katharina Scriba, HamburgAmbassador
© Katharina Scriba
Ambassadorin Katharina Scriba

Die digitale Transformation, allen voran das Thema Telearbeit, ist auch für traditionelle Branchen zu einer Notwendigkeit geworden. Im Bereich Gesundheit hat sich das in Frankreich ohnehin schon weit verbreitete Feld der Telemedizin durch Corona noch einmal weiterentwickelt, z.B. werden Tele-Konsultationen von der französischen Krankenversicherung nun voll erstattet. Nicht zuletzt findet die traditionelle Paris Fashion Week in diesem Sommer online statt. Sowohl die großen Modehäuser als auch junge Labels präsentieren ihre Kollektionen auf einer digitalen Plattform.

Hamburg News: Was sind die aktuellen Zukunftsthemen der Grande Nation?

Scriba: Der herausragende Erfolg der Grünen bei den diesjährigen Kommunalwahlen hat es gezeigt: Eines der Zukunftsthemen ist der Kampf gegen den Klimawandel. Neben den vielen Herausforderungen, die es hier zu meistern gibt, soll auch das Leben in den Metropolen nachhaltiger und damit lebenswerter gestaltet werden. Die Stadt Paris hat bereits etliche Initiativen ins Leben gerufen, um der Luftverschmutzung Herr zu werden: Der Autoverkehr wurde vielerorts beruhigt, Grünflächen angelegt und urbane Landwirtschaftsprojekte, wie beispielsweise Gärten auf Dächern, initiiert. Bereits während des monatelangen Streiks im öffentlichen Nahverkehr Ende letzten Jahres stiegen viele Pariser*innen auf das Fahrrad um – und die Corona-Pandemie hat den Trend noch einmal deutlich verstärkt. Seit Mitte Mai sind allein in Paris 50 km zusätzliche Fahrradwege entstanden.

Hamburg News: 2019 hat Paris Berlin laut einer Studie als Gründer-Metropole überholt und liegt in Europa hinter London auf dem zweiten Platz. Für die Jungunternehmer hat Präsident Emmanuel Marcon ein Rettungspaket über 4 Milliarden Euro geschnürt. Können Sie das für uns einordnen?

Scriba: Richtig, Frankreich zum führenden Start-up-Standort Europas zu machen, ist eines der Hauptanliegen Macrons. Um das zu erreichen, will er bürokratische Hürden für Jungunternehmer*innen abbauen, Talente fördern und Investoren mit Steuererleichterungen belohnen. Im Sommer 2017 eröffnete in Paris der größte Start-up-Campus der Welt: Die Station F bringt über 1.000 internationale Jungunternehmen, vielseitige Gründer- und Mentorenprogramme und potenzielle Investoren zusammen. Allerdings sollen sich die Bestrebungen, Frankreich zur Tech-Nation zu etablieren, nicht auf Paris beschränken, sondern alle Regionen umfassen. Das nun verabschiedete Rettungspaket will in dieser Zeit z.B. mit kurzfristigen Darlehen und Übergangsfinanzierungen die Liquidität junger Unternehmen sicherstellen.

Hamburg News: Gibt es weitere Fördermaßnahmen in Frankreich?

Scriba: Wie überall hat die Corona-Krise die Kulturwelt und ihre Akteure auch in Frankreich besonders hart getroffen. Der Kulturminister hat recht früh ein Hilfspaket in Höhe von 22 Millionen Euro zugesagt. Kulturschaffende, die hier den besonderen Status des „intermittant“ (ähnlich der Künstlersozialkasse KSK) und damit besondere Konditionen genießen, sind auf diese Weise durch ein staatliches Überbrückungsgeld abgesichert. Kulturinstitutionen und Festivals müssen trotz ausgefallener Veranstaltungen die Subventionen nicht zurückzahlen. Leider gibt es aber auch viele frei arbeitende Künstler*innen, die nicht von den Staatshilfen profitieren.

Katharina Scriba and Dr. Rolf Strittmatter
Katharina Scriba und Dr. Rolf Strittmatter, GF Hamburg Marketing GmbH

Hamburg News: Erstmals fördert das HamburgAmbassador-Programm eigene Projekte. Wann wird Ihr Vorschlag mit dem Titel „Hamburger Kurzfilmnacht – A Wall is a Screen“ umgesetzt?

Scriba: Geplant war, das Hamburger Kollektiv „A Wall is a Screen“ im Rahmen des Open-Air Filmfestivals im August nach Paris einzuladen. Die Künstlergruppe projiziert Kurzfilme auf Hauswände und erschließt sich so gemeinsam mit dem Publikum den öffentlichen Raum. Wegen der sanitären Situation muss nun ein neuer Termin mit den lokalen Partnern gefunden werden. Dies ist unter den gegebenen Umständen herausfordernd, aber ich bin optimistisch, dass die Veranstaltung im Herbst stattfinden kann.

Hamburg News: In der Corona-Krise hat die globalisierte Gesellschaft in Deutschland wieder stärker lokale Strukturen entwickelt. Können Sie die Beobachtungen Frankreich bestätigen?

Scriba: Seit Beginn der Ausgangssperre ist der Konsum von regionalen Produkten stark angestiegen. Mehr als jeder fünfte Franzose gab an, seine Essgewohnheiten geändert zu haben. Viele regionale Hersteller boten in dieser Zeit selbst einen Lieferservice an. Aber auch viele Supermärkte haben ihr Angebot auf lokale Erzeugnisse umgestellt.

Hamburg News: Die Corona Krise hat in Deutschland auf eine Rückbesinnung auf die Familie geführt.

Scriba: Ja, diese Tendenz gibt es hier auch. Die Franzosen sind ja sowieso sehr familienorientiert. Auf dem Immobilienmarkt konnte man beobachten, dass die Nachfrage nach Häusern oder Wohnungen mit Garten bzw. Balkon angestiegen ist. Für einige Pariser*innen war die Pandemie vielleicht auch der Anlass, der Stadt den Rücken zu kehren und aufs Land oder in eine kleinere Stadt mit mehr Lebensqualität zu ziehen.

Hamburg News: Deutschland und speziell Hamburg freuen sich wieder auf Touristen aus Frankreich. Wie ist es auf der anderen Seite der Grenze?

Scriba: Der Tourismus ist eine der wichtigsten Säulen der französischen Wirtschaft. Die Prognosen für das Jahr 2020 zeigten vor der Krise einen starken Anstieg des Tourismus in Frankreich. Aber natürlich verändert die Pandemie die Situation: Viele Franzosen werden sich in diesem Sommer, trotz geöffneter Grenzen, vermutlich noch mehr als sonst dafür entscheiden, Urlaub im eigenen Land zu machen.

Hamburg News: Liebe Frau Scriba, wir danken Ihnen für das Gespräch.
imb/sm/kk

HamburgAmbassadors-Programm
Die zur Zeit 39 HamburgAmbassadors aus 29 Ländern üben ein Ehrenamt aus, in das sie vom Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg berufen werden. Die Senatskanzlei, die Handelskammer Hamburg und die an Hamburg Marketing beteiligten Institutionen haben das von Hamburg Marketing koordinierte HamburgAmbassador-Programm ins Leben gerufen, das in seiner Struktur einmalig in Deutschland ist. Die HamburgAmbassadors sind Unterstützer und Netzwerker für Politik ebenso wie für Unternehmer, Wissenschaftler, Kulturschaffende im Ausland, mit dem Ziel, Hamburg international zu positionieren.

HamburgAmbassadorin Katharina Scriba
Katharina Scriba lebt seit elf Jahren in Paris und hat das Ehrenamt 2018 vom langjährigen HamburgAmbassador Professor Wolfgang Michalski in der französischen Hauptstadt übernommen. Die Kommunikationsexpertin, die mehrere Jahre in Hamburg auf Agenturseite tätig war, arbeitet seit 2009 für das Goethe Institut Paris, seit 2011 verantwortet sie als Beauftragte für kulturelle Zusammenarbeit internationale Projekte und kuratiert das Kunst-Programm des Instituts. 2015 erhielt sie für ihr herausragendes Engagement den von der deutschen Regierung verliehenen Deutsch-Französischen Freundschaftspreis. Katharina Scriba hat in Paris diverse Hamburg-Projekte betreut, u. a. die Präsentation der Elbphilharmonie im Eröffnungsjahr 2017.

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